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Frauenzimmer
Im Frauenzimmer kommt es zur Synthese von Figur
und Raum, Mensch und Objekt. Die rätselhaften Andeutungen,
die in diesem obsoleten Begriff stecken, habe ich in einer Serie
von kleinformatigen Zeichnungen weitergesponnen. Meine Zeichnungen
sind Möglichkeiten der Metamorphose, erfundene Beziehungen
zwischen Frauen und Zimmern.
Wenn Frauen zu Zimmern werden, geschieht dies lautlos,
zwischen den Zeilen des Alltags. Sie sind versunken in ihrer Tätigkeit
und in ihren eigenen vier Wänden. Die Versunkenheit ist für
mich Bestandteil jeder Zeichnung. Die Frauenzimmer spiegeln somit
den Prozess, den ich beim Zeichnen durchlaufe, als auch die damit
einhergehende Langsamkeit. Beim Zeichnen verlangsamt sich die Welt,
man taucht ab und es wird still, wie in einer Unterwasserlandschaft.
Beim Zeichnen bleibe ich in meiner nahen Umgebung,
thematisiere mir vertraute Dinge, die das Sonderbare und Geheimnisvolle
in sich bergen. Obwohl die Frauen in meinen Zeichnungen sich mit
alltäglichen Dingen beschäftigen, stimmt etwas nicht in
ihrem häuslichen Gefüge. Es vollziehen sich Verwandlungen,
Dinge und Räume, Flora und Fauna entwickeln ein Eigenleben,
wobei offen bleibt, ob dies Grund zur Beunruhigung ist. Für
mich sind Zeichnungen vergleichbar mit Standbildern aus einem Film
– sie erzählen Geschichten ohne Anfang und Ende. Anstatt
Lösungen anzubieten, schüren sie im Betrachter Ahnungen,
Vermutungen und Befürchtungen. Somit bleibt eine Zeichnung
ein offener Dialog, in dem der Betrachter ergänzt oder hinterfragt,
was auf dem Blatt ausgespart wurde. Das macht für mich eine
wesentliche Faszination dieses Mediums aus – die Selektion
von Information. Das Papier ist dabei mehr als eine Bühne –
es befindet sich in einem intensiven Gespräch mit der Zeichnung.
Der unberührte Raum, die »Pause« auf dem Blatt
steht im Kontrast zu formulierten Linien und Flächen und die
Aussparung wird zum wesentlichen Teil der Bildaussage.
Die Bühne der Protagonistinnen ist klein.
Das Miniaturformat der Zeichnungen gewährt dem Betrachter nur
einen geringen Abstand zum Ort des Geschehens. Er muss an das Blatt
herantreten, um in den privaten Raum zu gelangen. Diese Räume
sind nur in Andeutungen vorhanden – es gibt keine Wände,
keine Türen und Fenster und keinen Boden unter den Füßen
der Frauenzimmer. Sie sind in der Schwebe, ihre Welt ein offenes
System. Begrenzt und beschützt werden sie einzig und allein
durch Dinge, die sie tun und die Beziehungen, die sie eingehen.
Nikola Röthemeyer, 2009
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